Karl Eugen Fischer GmbH / Burgkunstadt, November 2015

Lehrer lernen von Lehrlingen

Beim Praxistag der Karl Eugen Fischer GmbH wechseln Pädagogen von der Schulbank an die Werkbank
 

Jeder Lehrer hofft, dass sein Unterricht Früchte trägt und die jungen Leute nach der Schulzeit aus ihrem Leben etwas Sinnvolles machen. Für Andrea Treske von der Realschule Burgkunstadt erfüllt sich am Mittwoch die Hoffnung. Beim Lehrerpraxistag der Maschinenfabrik Fischer, die Cordschneideanlagen für die Reifenindustrie herstellt, trifft sie ihren ehemaligen Schüler Philipp Reuther wieder, der in dem Burgkunstadter Unternehmen eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolviert. Das Wiedersehen löst bei beiden ein Gefühl des Stolzes aus. 

„Mann ist stolz darauf, wenn man von einem ehemaligen Schüler etwas erklärt bekommt und dabei spürt, dass ihm die Materie ans Herz gewachsen ist“, strahlt die Pädagogin übers ganze Gesicht. Mit seiner Aussage, dass es sich bei einem Kühlschmierstoff um eine Emulsion handele, die in der Regel einen Ölanteil von rund sieben Prozent enthalte, hat Reuther bei der Chemielehrerin aus Lichteneiche im Landkreis Bamberg einen schweren Eindruck hinterlassen. „Wenn man seine ehemalige Pädagogin mit fachlichem Wissen beeindrucken kann, dann erfüllt das einen schon mit Stolz.“ 

Ein Satz, an dem man das Grundprinzip des Praxistages ablesen kann: Lehrlinge werden zu Lehrherrn und Lehrer zu Lehrlingen. Beide Seiten fühlen sich in ihren neuen Rollen sichtlich wohl. Insgesamt 15 Lehrer von Schulen aus den Landkreisen Kulmbach, Lichtenfels, Kronach und Bayreuth tauschen die Schulbank gegen die Werkbank getreu dem Spruch aus Goethes Faust: „Grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“ Im Blaumann lernen sie hautnah die Arbeitsabläufe in einer Maschinenfabrik kennen. Und dürfen selbst mit Hand anlegen. 

Unter Anleitung von Stahlbaumeister Tobias Rupprecht, der von den beiden Lehrlingen Florian Zapf und Philipp Reuther tatkräftig unterstützt wird, lassen die Lehrer beim Schweißen ordentlich die Funken sprühen. Treske legt Kolben und Schutzschild zur Seite. Wie war es? „Ich bin positiv überrascht: Von Naht zu Naht entwickelte ich immer mehr ein Gefühl für eine korrekte Arbeitsweise.“ Worauf kommt es beim Schweißen an? „Auf eine ruhige Hand“, antwortet ihre Kollegin Gertrud Pietschmann von der Gesamtschule Hollfeld, die die gleichmäßige, glatte und saubere Naht an einem großen stählernen Scherenständer bewundert. „Wie bekommt man eine solch akkurate Naht hin?“ „Durch jahrelange Übung“, klärt sie Rupprecht auf.

Auch Schweißen will gelernt sein: Unter Anleitung der Lehrlinge Florian Zapf (links) und
Phlipp Reuther (rechts) macht sich Lehrerin Andrea Treske von der Realschule Burgkunstadt ans Werk.

 

Die Lehrer nehmen jede Menge Wissen mit in ihre Schulen, um es an ihre Schüler weiterzugeben. „Wenn ich jetzt gefragt werde ‚Soll ich in den Stahlbau gehen?‘ kann ich eine Antwort geben“, sagt Matthias Böhm von der Kronacher Siegmund-Loewe-Realschule. Nach dem Praxistag, der ihnen einen tiefen und breiten Einblick in die Arbeitswelt der Konstruktions- und Zerspanungsmechaniker beschert hat, sind sich die drei Lehrer einig: Jetzt können wir den jungen Leute diese technischen Berufe viel besser vermitteln. Sie werden zu Multiplikatoren, die mit gängigen Klischees („Im Stahlbau geht es dreckig und laut zu“) brechen und dafür ein realistisches Bild zeichnen.

Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Neben Lehrern und Schülern sind auch die Lehrlinge Nutznießer des Praxistages: Sie werden sicherer, wenn es darum geht, andere zu unterweisen. Bei der Maschinenfabrik Fischer wiederum hat man mit Blick auf die geburtenschwachen Jahrgänge, die auf den Ausbildungsmarkt strömen, verstanden, dass die Zeit der Rosinenpickerei vorbei ist. Dass sich andere Unternehmen solch pfiffigen Aktionen, wie einem Praxistag für Lehrer, verschließen, kann Ausbildungsleiter Markus Petterich nicht nachvollziehen: „Wer sich nicht öffnet, der bleibt bei der Suche nach dem besten Nachwuchs auf der Strecke.“

Stahlbaumeister Tobias Rupprecht (rechts) gewährt dem Pädagogentrio Andrea Treske (links),
Gertrud Pietschmann und Matthias Böhm einen Einblick in den Stahlbau.
Auch Lehrling Philipp Reuther (vierter von links) hört interessiert zu.

 

 

Text:  Stephan Stöckel
Fotos: Stephan Stöckel

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